gedacht, gesehen und geschrieben, denn es hat immer den effekt eines strichs _________________________ eines zugs, eines einschnitts, der, indem er bereiche voneinander trennt, auch in das stoffliche vordringt, das diese ___________ unterstützt
"he is writing tweets on a typewriter so please write comments also on a typewriter!"
als ich diesen auszug sah, dachte ich sofort an
Pierre Alechinsky, La régle & autre chose, 2001
Tusche auf einer Schulheftseite, 1770, 19,5 x 31 cm
Seite 149
Passagen Verlag
2. überarbeitete Auflage 2013
© 2009 Paris © 2010 Wien
Grafisches Konzept
Satz
Druck: Ferdinand Berger & Söhne GmbH, 3580 Horn
der unterschied, der mit dem sexuellen schema Freuds flagrant wird, ist der folgende: die künste verhalten sich wie "perversionen", die auf eine phase, auf einen sinn oder eine zone fixiert bleiben und von einer anschließenden "entspannung" abweichen. diese art des "fixiertbleibens" - hier auf das visuelle, dort auf das akutische anderorts auf das pulsieren, oder aber hier auf die »LINIE«, dort auf das kolorit, eine wurst, ein buch und so weiter - hat nichts von einer erstarrung: es ist die entscheidung für ein verweilen, bei dem ein innehalten nur deshalb stattfindet, um in diesem verweilen den spürbaren »UNTERSCHIED« eigene intensität zu kultivieren, um diese dann weiter zu differenzieren und aus ihr die eigentliche zeichnung/absicht [dess(e)in] freizusetzen, um jedesmal einen unterschiedenen zug zu entdecken, auszudehnen und zu modulieren - den man dann, mehr schlecht als recht, "Malerei" oder “Skulptur", "Musik" oder "Kino" oder sogar großes kino nennt
und tatsächlich kann "kunst" nicht als erfüllung gedacht werden: weder als restlos fülle eines werks noch als aufgehen in einer gemeinsamen »totalen kunst«, noch als ausstrahlen seiner energie, um damit irgendetwas hervorzurufen (wissen, glauben, moral, pflichtgefühl und so weiter). ein zweiter unterschied der kunst ist, dass jede einzelne dieser "perversionen", die sich gewissermaßen auf sich selbst beschränken, weil Malerei nicht zu Musik wird, Musik nicht zu Tanz und so weiter - selbst wenn sie von einer gemeinsamen Zeichnung/Absicht [dess(e)in] durchzogen sind, gleichzeitig dazu tendieren, sich zu verbreiten, tendenziell ihr emotion allen zu vermitteln
vielleicht ist die kunst nur sie selbst, wenn sie am wenigsten als kunst erscheint,
wenn die ästhetik jedlichen ästhetizismus zurückdrängt, oder wenn sogar die empfindsamkeit ihr begehren und die lust dieses begehrens keiner ästhetik unterwirft, wenn sie diese lust gleichsam heimlich entführt am rande der funktion des feierns, eines illustrierens oder einen interpretierens, und selbst einer möglichen "künstlerischen" funktion an diesem rand, wo sich die zeichnung still und leise von der absicht abhebt, die sie bewirkt - und zweifellos seit den ersten von zaubersprüchen begleiteten finger- und meißelspuren bewirkt hat
die kunst ist "der kunst" wahrscheinlich fremd, der künstlerischen, der künstlichen "kunst", die als schmuck oder tempel wahrgenommen wird, als träger:in von botschaften oder als sinnlose tätigkeit. diese "kunst" ist immer ein perversion von der kunst. die letztere bleibt gewissermaßen unsichtbar
dafür empflänglich zu sein bedeutet nicht zwangsläufig »Amateur:in« zu sein - ein wort, das häufig zur künstlerischen zurschaustellung gehört -, aber es bedeutet tatsächlich, zu lieben, also zu teilen: diese bewegung der form, die sich begehrt, die ihren sinn begehrt
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6 Antworten auf „auszug“
die differenz, den unterschied zwischen praxis und theorie beobachten
verwittert nicht jede theorie in der Praxis?
schön kommentiert, doch so einfach ist das aus meiner sicht nicht, wie, wo und wann unterscheidest du, was theorie und was praxis ist?
Gibt einen Unterschied zwischen der Ästhetisierung des Alltags und der künstlerischen Erzeugung neuer Beobachtungsmöglichkeiten als Vorgänge die zusammenfallen können, aber nicht müssen.
Mein eigenes Readymade von 1972 zum Vergleich. Die Zigarettenpackung ist nicht einfach als schöner oder interessanter Alltagsgegenstand zur Betrachtung freigegeben. Durch den Eingriff entsteht ein Objekt, dessen gegenständliche Identität und Bedeutung instabil werden. – was war zuerst – Bedeutung oder Gedanke – Idee oder Instabilität Bei einem ästhetisch betrachteten Salzkristallisationsprozess bleibt offen, ob eine vergleichbare Verschiebung war, ist oder wird. These: Die Kunst liegt nicht in der Beliebigkeit ihrer Gegenstände, sondern in der Unterscheidung, die sie durch deren Verwendung ermöglicht.
Wenn die Kunst dadurch gekennzeichnet ist, dass sie nicht als Kunst erscheint, wird kaum noch überprüfbar, weshalb eine bestimmte Tätigkeit Kunst sein soll.
Die Theorie immunisiert sich gegen jede Kritik.
ja, Beliebigkeit allein – „alles kann Kunst sein“ – erzeugt gar keine Differenz; sie verdünnt und verflüssigt die Möglichkeit, etwas als Kunst von anderem [zum Beispiel im Alltag] zu unterscheiden. Kritik, Vorwurf und Urteil, das ist beliebig oder Beliebigkeit Die künstlerische Verwendung erzeugt und bezeugt eine Beobachtung, die ohne sie nicht so möglich wäre. Genau hier wird die »Immunisierung der Theorie« zum Problem. Wenn Kunst dadurch gekennzeichnet sein und werden soll, dass sie nicht als Kunst erscheint, wird der (ihr) Status (in Gesellschaft, Kultur, Alltag, Video, Film, TV, Kino, Internet, Post etc.) kaum noch überprüfbar. Jede Kritik lässt sich zurückweisen mit dem Hinweis, die Tätigkeit sei gerade deshalb Kunst, weil sie nicht als solche erscheine. Der Nachweis und die Abweisung fallen zusammen; die Theorie schließt sich gegen Einwände und Kritik. Das ist kein spezifisches Merkmal einzelner »Praktiken«, sondern eine strukturelle Folge bestimmter Definitionen, die die Unterscheidung Kunst/Nicht-Kunst rein selbstreferentiell fassen und externe Kriterien (Form, Eingriff, erzeugte Beobachtungsdifferenz) suspendieren.
Selbstreferentiell heißt hier, dass die Definition von Kunst nicht mehr auf etwas außerhalb des Kunstbetriebs und Kunstsystems verweist, sondern sich nur noch im eigenen Kreis bewegt.
Dass Kunst in der Unterscheidung liegt, die durch die Verwendung der Gegenstände erst möglich wird – nicht darin, dass man beliebige Dinge einfach als Kunst freigibt.
Duchamps Readymades funktionierten nicht primär durch ästhetische Freigabe, sondern durch eine Designation, die die Kategorien destabilisiert:e. Wenn spätere Positionen die Designation selbst zur reinen Ästhetisierung oder zur bloßen Behauptung werden lassen, ohne dass eine beobachtbare Verschiebung eintritt, bleibt die Unterscheidung leer. Der Text markiert genau diese »Leerstelle«.
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