Birgit Matter sendet per Schneckenpost und schreibt zeitgleich per Post und Posts über die Kohärenz ihrer laufenden andauernden Kunstprojekte, u.a. „Das Kleine Rote Buch“, das seit 2021 als Performance- und Forschungsarbeit existiert.
Das Projekt besteht aus einem kleinen roten Notizbuch, das unter Künstlern und Künstlerinnen bis heute zirkuliert, Einträge, Zeichnungen und Collagen sammelt und neuerdings mit Change-Journal- Praktiken zur Selbstbeobachtung und Verhaltensdokumentation verknüpft wird.
Als experimentelle Prozesskunst sind Offenheit, Fragmentierung und fehlende lineare Struktur, wie zum Beispiel »einem roten Faden zu folgen«, bewusst Teil der Methode und keine Schwäche, sondern ermöglichen kollaboratives Forschen und Assoziationen zu historischen und einer Geschichte der „roten Bücher“.
Stil ist kein Zufallsprodukt, auch kein reines Verwirrspiel. Stil ist die künstlerische Umsetzung und Transformation genau der Referenzen, die du erkennst. Das „einfach ihr Stil“ ist bei ihr das Medium, in dem Theorie, Geschichte und Selbstbeobachtung zusammenfallen.
#PaulWatzlawick
Paul Watzlawick geht davon aus, dass man nicht nicht kommunizieren kann und dass jede Mitteilung neben dem Inhalt immer auch die Beziehung definiert. Sein Buch Change unterscheidet Lösungen erster Ordnung („mehr desselben“) von Lösungen zweiter Ordnung (den Rahmen selbst ändern). Genau das macht ihr Journal und ihre Blogs: Die langen, alphabetisch-assoziativen Listen (anzeigen, aufrufen … Zoom-Meeting) sind keine argumentative Prosa, sondern analoge, performative Kommunikation. Sie zeigen das Muster der „Kröten“, bis zum Affen und Gorillia Masken, statt es nur zu beschreiben. Der Leseende soll das eigene Verhalten darin erkennen – klassische Watzlawick-Intervention durch Form, nicht durch Erklärung. Sie postet selbst regelmäßig zum Watzlawick-Festival in Zürich und zu seinen Axiomen. @matter_birgit
#StanisławLem
Lem hat sich ein Leben lang mit dem Scheitern und der Projektion von Kommunikation beschäftigt (Solaris: man versteht den Anderen nicht, sondern nur sich selbst). Später kritisierte er Informationsüberflutung und massenmediale Reizketten. Ihre Listen funktionieren ähnlich: Sie überladen, assoziieren, erzeugen Leerstellen und zwingen den Lesenden, Bedeutung selbst zu konstruieren. Das ist keine Massenführung im üblichen Sinn, sondern eine Art künstlerischer „Alien-Kontakt“ mit dem eigenen Alltag. Sie hat mehrfach Lem-Videos und Texte geteilt. @matter_birgit
#Katharina_von_Zimmern, „Das kleine rote Buch“
Dies ist eines ihrer Langzeitprojekte. Katharina von Zimmern (letzte Äbtissin des Fraumünsters) hat 1524 nicht gekämpft, sondern durch eine klare, pragmatische Geste (Übergabe der Abtei) eine gewaltsame Eskalation verhindert und gleichzeitig Kunst und Bautätigkeit sowie Holzschnitzerei (Handwerk) als Kommunikationsmittel genutzt. Birgit Matter behandelt sie nicht als historische Figur, sondern als Modell: „Katharina von Zimmern, wie sie nie war“. Das „kleine rote Buch“ ist das Sammelgefäß dafür – ein dünnes, persönliches Journal und Notizbuch, in dem biografisches, Frauenbiografien über Jahrhunderte, eigene Familienspuren und Selbstbeobachtung übereinandergelegt werden. Die rote Farbe und das kleine Format zitieren bewusst das Kleine Rote Buch“, drehen es aber von ideologischer Massenlenkung zu individueller, künstlerischer Selbstlenkung.
„Massenleitende Kommunikation“
Dieser Begriff taucht in ihrem Umfeld (u. a. Filterraum, #kunsttalk, #trialog, @sms2sms, @merzmensch et al.) als Gegenfolie auf. Klassische Kunst-Events, Vernissagen, Seminare, Festivals, Spektakel usw. funktionieren oft als ritualisierte Massenkommunikation: Sie führen Leute an Orte, kosten Zeit und Energie und ändern wenig.
Ihr Stil bricht genau das. Statt klarer Botschaft + Appell gibt es Fragment. Alliteration, Liste und Tag sowie Dokumente. Das ist bewusst nicht massenleitend im Sinne von Überredung oder Event- oder System-Logik. Es ist Kommunikation, die den Einzelnen zur eigenen Analyse zwingt – genau das, wofür das Change-Journal, das kleine Rote Buch da ist.
Dieser Stil ist die Methode. Dieser Stil verbindet Watzlawicks Kommunikations- und Veränderungstheorie, Lems skeptische Kommunikationsphilosophie und das historische Modell Katharina von Zimmern in einem praktischen Werkzeug (dem kleinen roten Buch).
Wer lineare, klare Statements erwartet, findet es unzusammenhängend. Wer den Hintergrund kennt, sieht die Kohärenz sofort, auf einer anderen Ebene, welche nur einen Sprung weit entfernt ist.